Marokko 2006

 

 

 

Marokko kannten wir bis dahin nur von diversen Durchquerungen auf der Durchreise und von Erzählungen anderer Reisender, wonach Marokko ein nur mäßig interessantes Reiseland mit Horden von aggressiv bettelnden Kindern wäre. Die aus anderen Quellen stammenden, erfreulichen Reiseberichte und schöne Bilder machten uns dann doch neugierig.

 

 

 

Dia-Show

Blühendes Marokko

 

Mit gemischten Gefühlen und nicht allzu hohen Erwartungen machen wir uns also Mitte August auf den weiten Weg. Meldungen von Temperaturen von bis zu 50°C nehmen wir nicht ernst, schließlich sind wir seit 20 Jahren afrikatrainiert.

 

Die Mittelmeerküste bis Gibraltar kennen wir schon, diesmal versuchen wir eine neue Variante: über Lyon und Bordeaux nach San Sebastian an die Atlantikküste und von dort über Madrid und Malaga nach Algeciras.

 

 

 

Wir spulen 2.800 fast mautfreie Kilometer in dreieinhalb Tagen ab und stehen hinter drei anderen Fahrzeugen an der Fähre nach Ceuta.

 

 

Nach einer Stunde Überfahrt reisen wir schnell und unkompliziert nach Marokko ein. Im Marjane-Supermarkt bunkern wir Lebensmittelvorräte und marokkanischen Rotwein.

 

 

Durch hügeliges Ackerland geht es zwischen hohen Bergen hindurch nach Süden. Auf dem Camping Municipale in Chefchaouen verbringen wir die erste Nacht.

 

 

Südlich von Ouezzane zweigen wir ab auf eine teilweise ungeteerte Nebenstrecke zum Staudamm Al Wahda und am See entlang nach Fes.

 

 

 

Trotz Bewölkung bewegt sich die Temperatur bei ca. 30°C. Aber die Aussicht, Fes mit Regenschirm erkunden zu müssen, läßt uns die Besichtígung auf den Rückweg verschieben.

 

Aber die Wolken verziehen sich, die Sonne scheint wieder, als wir einen östlich der Straße nach Midelt gelegenen See erreichen.

 

 

 

Dort wollen wir eigentlich übernachten, doch der Wind pfeift und wirbelt Unmengen von Sand auf. Wir weichen nach Westen in zedernbewachsene Berge aus.

 

 

 

 

Nur noch 12°C am nächsten Morgen lassen uns ein wenig frösteln, ein bißchen wärmer hätten wir es schon gerne. Also raus aus den Bergen, hinunter in die Wüstenlandschaft entlang der algerischen Grenze, da wird es bestimmt wärmer sein! Wie recht wir doch haben sollten...

 

 

Die Straße nach Errachidia führt am Camping du Ziz vorbei, einem sehr schön im Flußtal gelegenen Palmengarten. Dort kehren wir ein.

 

 

Zur Begrüßung wird uns erst einmal Tee serviert, und wir melden uns zum Abendessen an. Eine Tajine muß es heute sein, eine, die wir noch nicht kennen: Galia heißt sie (die Tajine, nicht die Köchin!). Der Koch zaubert eine Traum-Tajine auf den Tisch, während der Patron im Kreise zahlreicher Freunde gemütlich seine Haschischtüte raucht. Im Gegensatz zu den bisher gesehenen Plätzen ist der Camping du Ziz sehr sauber, die Sanitäranlagen werden nach jeder Benutzung sofort vom Personal gereinigt! Diesen Platz kann man nur empfehlen.

 

 

Wir verlassen das Oued Ziz und erreichen Errachidia, es ist bereits spürbar wärmer. In Erfoud biegen wir ab zum Erg Chebbi, den wir an seiner Ostseite umrunden und ein wenig im Sand spielen wollen.

 

 

Unsere bis dahin vorherrschende Meinung, Marokko hätte eh nur eine Düne und die heißt Erg Chebbi, müssen wir schnell revidieren. Wunderschön geformte Dünen begleiten uns zu unserer Rechten, zu weit weg für unseren Geschmack. Also ran an die Dünen, schließlich kann uns routinierte Sandfahrer der weiche Sand nur berauschen...

 

 

 

Düne rauf, Abhang runter, Schwung holen, nächste Düne rauf, wieder runter und ... berauscht festgefahren! Wie blutige Anfänger. Man hätte doch den Reifendruck reduzieren sollen.

 

 

Wir senken den Reifendruck auf 1,2 bar, graben den Defender aus, legen Sandbleche unter - und schon geht's weiter. Hoffentlich hat uns keiner gesehen...  Wenigstens macht jetzt das Sandspielen erst so richtig Spaß!

 

 

 

Viel zu früh erreichen wir die Südspitze des Erg Chebbi und holpen der Teerstraße entgegen, die uns weiter nach Taouz im Süden bringt.

 

 

Bevor wir auf die Piste nach Zagora abbiegen, besuchen wir noch eine alte Kasbah, leider mit Möchtegern-Führern, die uns seit dem Ortseingang von Taouz hartnäckig verfolgen. Wir entledigen uns der Gefolgschaft und fahren auf die klar erkennbare Piste hinaus.

 

 

Es wird zunehmend heißer, wir haben bereits gut über 40°C im Schatten. Nur: wo ist Schatten?

 

 

 

Wir stellen fest, dass die Autorin unseres Reiseführers bei der Routenbeschreibung zwei verschiedene Versionen zusammengefügt haben muss. Zu viele Ungereimtheiten und Unstimmigkeiten reihen sich aneinander und gipfeln schließlich in einer Fahrstrecke, die kürzer ist als die Luftlinie!

 

 

Auf halber Strecke treffen wir auf einen breiten, stark bewachsenen und ausgetrockneten Flußlauf, das Oued Rheris, wofür man sich einen Führer nehmen soll. Als professionelle Oued-Durchquerer verzichten wir auf einen Führer und versuchen es auf eigene Faust.

 

Mehrere Anläufe verlaufen nicht im Sande, sondern in verschiedenen Gemüsegärten! Die uns ausdauernd verfolgenden Führer weisen uns schließlich aus Angst um ihre Gärten die ungefähre Richtung. Eine erkennbare Fahrzeugspur führt in engen Schleifen zwischen Tamarisken hindurch, steile Böschungen hinauf und hinunter durch das Oued. Trotzdem dürfen wir keinen Schwung verlieren, wer schaufelt schon gerne bei 40°C unter dem Gelächter der verschmähten Führer, und so ziehen wir den einen und auch den anderen Busch in arge Mitleidenschaft, üben uns im Steilwand- (Steilsand?-)Fahren (wann kippt der Landy?) und fügen dem Aufbau weitere Kratzer und Dellen hinzu, erreichen aber letztlich festen Untergrund ohne einzusanden. Wir staunen, was der auf 3,3 t geladene Defender selbst im weichen Sand noch zu leisten vermag.

 

 

Nachmittags steigt die Temperatur schließlich auf ungenehme 48°C, die Meldungen waren also nicht übertrieben. Auch hohe Tagestemperaturen lassen sich durchaus ertragen, wenn es nachts abkühlt, aber bei immer noch 37°C ist an Schlaf überhaupt nicht zu denken.

 

 

Die anhaltend hohen Temperaturen bringen den Boden zum Glühen. Mensch und Tier ducken sich in den spärlichen Schatten der Akaziensträucher. Wir würden gerne helfen, sind aber selbst schon am Ende und brechen die Tour schließlich bei Tagounite ab. Eigentlich wollten wir der algerischen Grenze weiter folgen, aber die Hitze ist auch für uns unerträglich.

 

 

So fahren wir am palmenbestandenen Oued Draa entlang Richtung Nordwesten und gewinnen langsam an Höhe, aber selbst auf mehr als 1.000 m sinkt die Temperatur kaum unter 43°C.

 

 

 

 

 

Die Piste von der Kasbah Ait-Benhaddou nach Telouet ist unser nächstes Ziel. In der Nähe von Ouarzazate biegen wir ab zur Kasbah, schon bald endet die Teerstraße und mündet in einer einspurigen Bergpiste die rasch bergan führt. Wenn ich aus meinem Seitenfenster sehe, blicke ich direkt in den Abgrund, die linken Räder rollen auf lose aufgeschichteten Steinen genau an der Abrißkante entlang. Alle paar Kilomter gibt es eine Ausweichstelle, hoffentlich taucht kein Gegenverkehr auf! Den sieht man immerhin schon lange vorher am gegenüberliegenden Hang und kann sich rechtzeitig in der nächsten Ausweichstelle "einnisten". Der erste Fahrer gibt dabei Auskunft, wieviele Fahrzeuge ihm folgen.

 

 

Die Piste wird immer schlechter, weist tiefe Löcher und grobe Felsen auf. Wegen der enormen Steigung fahren wir bereits in der Untersetzung, der Aufbau schaukelt sich stark auf und schwankt gefährlich nahe an die Felswand, während links der Abgrund gähnt - für Adrenalinstöße im Minutentakt ist gesorgt!

 

 

Kurz vor der Paßhöhe kommt uns ein marokkanischer Toyota entgegen, dessen Fahrer sich beharrlich weigert, zurück in die hinter ihm liegende Ausweichstelle zu rangieren. Er "kann" nicht bergauf zurückstoßen...

Also rutsche ich mit blockierenden Rädern steil bergab rückwärts, bis sich eine Möglichkeit ergibt, unsere Fahrzeuge mit angeklappten Außenspiegeln aneinander vorbeizurangieren.

 

 

Hinter der vorletzten Kehre taucht noch ein berüchtigter Felsüberhang auf, aber dank Christines Lotsendienst können wir auch diesem Hindernis ausweichen, wenn auch knapp.

 

 

 

Auf der windigen Paßhöhe bietet ein taubstummer Junge ein paar originelle Skulpturen an. Wir gönnen ihm die Einnahme und kaufen gerne bei ihm ein. Angenehm kühl ist es hier oben, wir aber fahren weiter nach Telouet.

 

 

 

Die Piste führt durch kleine Dörfer, wohin die Stimme des Königs scheinbar nicht gereicht hat. Es wird massiv gebettelt. Angesichts der hier herrschenden Armut und den durchziehenden vergleichsweise reichen Touristen können wir dem Übeltäter nicht so richtig böse sein, der aus dem Hinterhalt unsere (offene!!!) Seitenscheibe mit einer Steinschleuder unter Beschuß nimmt! Der Stein zerstört -Allah sei gepriesen- nur den Windabweiser...

 

Für uns gehört diese Strecke von der Landschaft und Ursprünglichkeit her zu den absoluten Höhepunkten in Marokko.

 

Unmittelbar nach Einmündung in die gut ausgebaute Straße nach Marrakech beginnt der Anstieg auf den Tizi-n-Tichka-Paß (2.260 m).

 

 

 

Da unsere Vorräte zur Neige gehen, versorgen wir uns im Marjane-Supermarkt mit allem, was das Herz begehrt. Für eine Besichtigung Marrakechs ist es mal wieder viel zu heiß, wir ziehen uns lieber in die Berge zurück, auf den Tizi-n-Test-Paß (2.090 m).

 

 

 

Es ist zum Verzweifeln, auch hier läßt die Hitze nicht nach, aber an der Küste muß es doch erträglicher sein! Nach dem Abbruch unserer Wüstentour haben wir ja jetzt Zeit, um nach Agadir an die Küste zu fahren. Bereits 50 km vor der Küste wird der Fahrtwind merklich kühler, an der Küste ist es dann mit 25°C sehr angenehm und wir leisten uns den angeblich besten Campingplatz Marokkos bei Taghazoute. Die erste Nacht in diesem Urlaub mit erholsamem Schlaf ist viel zu schnell vorbei, und am nächsten Morgen erwartet uns ... gräßlich feuchter Küstennebel! In kürzester Zeit sind wir naß bis auf die Haut, das ist noch schlimmer als die Hitze! Was nun? Marokko kann's uns diesmal nicht recht machen, wir fliehen also vor der Nässe zurück in die Hitze!

 

Auf dem Weg nach Tafraoute durchqueren wir wunderschöne Hügel- und Gebirgslandschaften, die uns teilweise stark ans algerische Hoggar-Gebirge erinnern.

 

 

 

 

Und in Tafraoute fühlen wir uns ins algerische Djanet versetzt, so auffallend sind die Ähnlichkeiten.

 

 

 

Selbst die Berge in der Umgebung könnten Kopien des Tassili n'Ajjer sein. Wir logieren auf dem Camping "les trois palmiers" am Stadtrand, in dessen Begrenzungsmauern sich nicht der geringste Luftzug bewegt, während das Thermometer nicht weniger als 33°C anzeigen will. Leider läßt der Zustand der Sanitäranlagen den Wunsch nach einer kalten Dusche im Keim ersticken.

 

 

  

  

 

Am nächsten Tag besuchen wir die bemalten Felsen und spazieren stundenlang und völlig unbehelligt durch menschenleeres Gelände, bevor wir in Richtung Igherm weiterfahren.

 

 

 

Die Strecke durch die Berge nach Taliouine ist von faszinierender Schönheit und verdient eigentlich, in der Michelin-Karte grün hinterlegt zu werden.

 

 

 

Über Ouarzazate fahren wir ins nicht minder heiße Dades-Tal, und erst als wir in die gleichnamige Schlucht einfahren, macht sich angenehme Kühle breit.

 

Selbst den einsetzenden Regen empfinden wir mittlerweile als Segen. Christine möchte bei einem Hotel mit Campingplatz bleiben, mich stört jedoch der aufgeweichte Boden, und so fahren wir weiter zur Todra-Schlucht. Dort ist es aber leider vorbei mit dem Regen und der kühlen Luft. Stattdessen übernachten wir wieder auf einem heißen und stickigen Campingplatz, ich hätte doch auf Christine hören sollen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Todra-Schlucht entschädigt uns für die laute Nacht neben einer italienischen Rallye-Gruppe.

 

 

 

Über Goulmima gelangen wir wieder nach Errachidia. Wir versuchen täglich, der allgegenwärtigen Hitze zu entgehen, müssen aber jede Nacht aufs Neue feststellen, dass wir ihr nicht entkommen können. Wir steuern Ilmichil, hoch oben in den Bergen, an. Unweit der schmalen und einsamen Straße, inmitten einer vegetationslosen Mondlandschaft, campen wir völlig ungestört, und der Wind bringt die so lang ersehnte Abkühlung mit sich.

 

 

 

 

Das Sträßchen schlängelt sich durchs Hochgebirge, vorbei an einzelnen Gehöften und mitten durch kleine Dörfer, Treibstoff gibt es nur manchmal aus Fässern zu kaufen. Und als wir endlich Ilmichil erreichen, ist das Musikfestival leider schon vorbei.

 

Bei einem Hotel am Lac Tislit in 2.300 m Höhe quartieren wir uns direkt am Seeufer ein und lassen uns von der Wirtin umsorgen.

 

 

 

 Wir sind die einzigen Gäste und werden mit Tee empfangen, gefolgt von einer riesigen Tajine, die wir selbst zu zweit und mit ordentlich Appetit nur mit Mühe bezwingen. Nach einem Geländemarsch rund um den Bergsee genießen wir noch lange die kalte Nachtluft.

 

Größer könnte der Gegensatz nicht sein: von kalter Nacht auf 2.300 m Höhe zu glühend heißem Fahrtwind auf 47 m! Trotz 20 Jahre langem Afrika-Training beschließen wir Marokko vorzeitig zu verlassen.

 

 

 

 Da wir bis jetzt noch keine marokkanische Stadt näher besichtigt haben, wollen wir wenigstens Meknes einen Besuch abstatten. Nach einer halben Stunde Fußmarsch bei mehr als 40°C erlahmt auch der stärkste Wille zusammen mit der Neugier. Wir kaufen noch Gewürze und Kochgeschirr als Souvenirs und versuchen Meknes in Richtung Moulay Idriss zu verlassen - eines der letzten Abenteuer in Marokko!

 

Wir folgen der Beschilderung, aber wie wir unsere Kreise durch Meknes auch ziehen, wir landen immer wieder bei McDonald's! Zwei Stunden lang fahren bereits im Kreis, als wir endlich das entscheidende Hinweisschild entdecken - es ist nur aus der Gegenrichtung zu lesen!

 

 

In Chefchaouen gehen wir nochmal auf den städtischen Campingplatz, der aber diesmal voll belegt ist. Wir zwängen uns zwischen zwei Lastwagen, für eine Nacht wird es schon gehen. Welch Unterschied zu unserem ersten Besuch: auf dem ganzen Platz Wagenburgen aus alten, vergammelten Bussen, dazwischen Matratzenlager mit seltsamen Gestalten. Haschischwolken wabern über den Platz, vor dem ein Polizeifahrzeug parkt. Bei einer Razzia gehen wir wohl mit in den Knast. Ob Passiv-Grasrauchen auch eine Wirkung zeigt? Die Nacht war jedenfalls friedlich, und an meine Träume kann ich mich nicht mehr erinnern.

 

Ausreise und Überfahrt verlaufen problemlos, wir fahren diesmal an der Mittelmeerküste entlang in die französischen Alpen, wo wir uns von unserer Flucht aus Marokko erholen. Wir waren einfach zur falschen Zeit am richtigen Ort und müssen also unbedingt noch einen weiteren Versuch wagen!