Guinea 2005

 

 

 

 

 

Ende Februar haben wir ihn nach unserer Senegal-Tour in Gambia abgestellt, Anfang November ünbernehmen wir ihn wieder - unseren Mitsubishi L300 Td 4x4, 17 Jahre alt, 180.000 km auf dem Buckel, aber frisch gewaschen.

 

 

Diesmal wollen wir nach Guinea, durch das Futa-Djalon-Gebirge und das Nigerbecken weiter nach Mali. Über Tambacounda und den senegalesischen Nationalpark Niokolo-Koba erreichen wir Kedougou.

 

 

Von dort führt keine Teerstraße weiter nach Süden, nach Guinea. Stattdessen holpern wir auf einer anfangs gut befahrbaren Piste auf das Massif de Tamgué zu.

 

 

An dessen Anstieg sind schon größere Fahrzeuge gescheitert, wie die herumliegenden Fahrzeugteile und Lkw-Achsen bezeugen. Wir staunen, wie problemlos unser Mitsubishi die Felstreppen erklimmt.

 

 

Oben angekommen überfällt uns ein blutrünstiger Tsetse-Fliegenschwarm, der mühelos mit unserer Geschwindigkeit mithält und so dafür sorgt, daß wir zur Vermeidung schmerzhafter Stiche mit geschlossenen Fenstern fahren müssen. Kein wirkliches Vergnügen bei 38°C im nicht vorhandenen Schatten. Da ist es schon sehr viel angenehmer in der grasgedeckten und luftigen Rundhütte des senegalesischen Grenzpolizisten.

 

 

Auch die Einreise nach Guinea, einige Kilometer weiter in Fongolembi, verläuft problemlos. Keine Spur von Zollkaution, Geheimpolizei und was sonst noch im Reiseführer steht. Wichtig ist allein die in Gambia bereits ausgestellte Fahrgenehmigung für Guinea, die gibt es nämlich trotz anderslautender Botschaftsauskunft nicht an der Grenze! Weiter geht's nach Süden, die in der vorangegangenen Regenzeit aufgeweichte Laterit-Piste weist erhebliche Schäden und von schweren Lastwagen tief ausgefahrene Spurrinnen auf.

 

 

Oft bleibt uns keine andere Wahl, als den Mitsubishi auf dem Mittelgrat und einem Randstreifen durch die gröbsten Löcher zu balancieren. Gelegenheiten für gefährliche Schräglagen bieten sich in großer Zahl, aber so leicht fällt der Mitsubishi nicht um.

 

 

Das Fouta-Djalon-Gebirge hat nicht nur reichen Baumbewuchs, sondern auch viele kleinere Flüßchen, die alle überquert werden wollen.

 

 

Es gibt auch fast immer eine Brücke in mehr oder weniger gutem Zustand, nur die Auffahrtsrampe ist nicht immer vorhanden. Vor einer Brücke wissen wir aber endgültig nicht mehr, wie wir rüberkommen sollen.

 

 

 

Während wir noch überlegen, ob wir wirklich nach nur 16 km in Guinea schon umkehren müssen, taucht ein mit 16 Personen besetzter Peugeot 504 Familiale auf. Die Passagiere steigen aus, bzw. klettern vom hoch beladenen Dachträger, begrüßen uns mit Handschlag und gehen zu Fuß über die Brücke, um geduldig im Schatten auf ihr Taxi zu warten.

Der Zustand des nunmehr leeren Taxis gibt uns zu denken: nur noch Lackreste auf dem hundertfach ausgebeulten Blech, keinerlei Innenverkleidung, Sitzbänke ohne Polster, nur alte Decken auf dem nackten Drahtgestühl, keine Scheinwerfer, keine Blinker, vier profillose Reifen mit teilweise mehrfach genähter (!) Karkasse - mit diesem Wagen würde ich gerne mal beim deutschen TÜV vorfahren! Der Fahrer findet endlich seinen Wagenheber, legt Steine vor und hinter die Räder (gehen die Bremsen nicht?) und bockt den Peugeot auf. Er schraubt die Vorderräder ab, und wir trauen unseren Augen nicht, als wir die an einem Draht baumelnden, losen Bremsbeläge entdecken! Der Fahrer schiebt die Beläge wieder in die Bremsschächte und befestigt sie wieder mit dem selben Draht. Dann holt er eine Flasche Wasser aus dem Fluß und füllt mit den Worten "Il fait très chaud aujourd'hui!" den bereits trockengelaufenen Kühler auf.

 

 

Er wirft ein paar herumliegende Palmwedel in die Reste der Auffahrtsrampe, startet den Wagen mit verächtlichem Blick auf uns Weicheier, schießt unter erheblichem Krachen und Ächzen des Peugeots die Rampe hinauf und überbrückt die zur Kante fehlenden 20 cm mit reichlich Schwung. Die Passagiere beladen das Taxi auf der anderen Seite wieder, während der Fahrer zurückkomt und uns anbietet, unseren Mitsubishi über die Brücke zu fahren! Wir lehnen dankend ab und legen lieber Steine. Das Taxi ist längst über alle Berge, als wir den L300 vorsichtig über die Brücke bugsieren.

 

 

 

 

 

Über alle Berge? Nach nur drei Kilometern steht die Gruppe an der Piste und wartet auf die Reparatur des Taxis durch den Fahrer... Im weiteren Verlauf treffen wir auf verschiedene auf der Piste liegen gebliebene Fahrzeuge. Diese werden nicht etwa abgeschleppt oder zur Seite geschoben, sie werden an Ort und Stelle zerlegt und das benötigte Ersatzteil wird aus dem fernen Conakry besorgt. Der übrige Verkehr bahnt sich solange eine neue Piste durch den Busch! Damit das Pannenfahrzeug nicht vielleicht ausgeschlachtet wird oder die Ladung verschwindet, bleibt der Beifahrer beim Fahrzeug, tagelang mit Minimalverpflegung.

 

 

Ständig sehen wir Rauchwolken, mal fern, mal nah - und manchmal fahren wir mitten durchs Feuer! Gut, daß wir keinen Benziner haben. Was die Dachträger-Passagiere auf dem Taxi da wohl machen? Die Suche nach Übernachtungsplätzen gestaltet sich dementsprechend schwierig, es kommen nur Lichtungen in Frage, wo die Flammen keine Nahrung finden, oder die bereits abgebrannt sind. Wir schlafen jedenfalls nicht nur wegen der Temperaturen etwas unruhig...

 

 

 

 

 

 

Dabei sind die Temperaturen gerade im Fouta-Djalon-Gebirge durchaus erträglich, weil wir uns ständig auf einer Höhe von 1000 bis 1500 Metern bewegen. Die phantastische Bergkulisse läßt sich meist nur erahnen, weil man entweder vor lauter Bäumen nichts sieht, oder es so diesig ist, daß man den gegenüberliegenden Bergrücken kaum erkennt.

 

 

Unsere Brotvorräte schrumpfen, wir müssen nach Maliville um Geld zu tauschen. Die in Westafrika weit verbreiteten CFA-Francs nützen hier nichts, hier gilt der Guinea-Franc. In Maliville suchen wir vergeblich nach der auf Werbetafeln angepriesenen Bank - n'existe plus! Wir haben zwar viele Euro, aber doch kein "richtiges" Geld. Nur Hunger.... Wir fragen mal bei der Polizei im Ort, und sofort werden wir von einem Polizisten zum Schwarztausch eskortiert!! Der Polizist paßt auf, daß wir auch einen ordentlichen Wechselkurs bekommen. Wir tauschen nur 50 Euro, aber das Bündel Guinea-Francs paßt nicht in die Hosentasche.

 

 

 

Frische Zwiebeln kaufen wir, Tomaten, Bananen und gekochte Eier, dazu das beste Brot Westafrikas für verblüffend wenig Geld. Baignets (eine Art Krapfen) für umgerechnet 2 Cent. Ebenso erstaunlich finden wir, daß wir auf dem Markt gar nicht groß beachtet werden, wir können ungehindert durch das Dorf schlendern, nicht einmal die Kinder betteln - eine völlig neue Erfahrung in Schwarzafrika. Gleichfalls ungewohnt: um die Ortschaften herum und im gesamten Fouta-Djalon liegt absolut kein sichtbarer Müll! Keine Plastiktüten, keine Plastiklatschen, einfach nichts! Wir kommen allmählich ins Grübeln, wo wir unseren Müll denn deponieren können. Löcher graben geht nicht, unser Klappspaten kapituliert vor dem betonharten Lateritboden, es bleibt nur "thermisches Recycling". Die (fr)eßbaren Reste überlassen wir gerne den Ziegen und Geiern.

 

 

In Labe erreichen wir die Teerstraße, nahezu erschütterungsfrei "schweben" wir der Tankstelle entgegen, wo Monsieur Shell zwei Liter mehr in den Tank gefüllt haben will, als der überhaupt faßt. Und es war ja noch ein Rest im Tank. Wir verbuchen die Differenz als Eintrittsgeld. Von Kedougou bis Labe sind wir genau 359 km Trialstrecke gefahren, laut GPS waren es gerade mal 132 km Luftlinie!

So viel geballte Zivilisation ist kaum auszuhalten, nichts wie weg hier! Wir bunkern Lebensmittel und fahren wieder auf Pisten über Lelouma an den Chute de la Sala. Dank der extrem unwegigen Zufahrt ist die Felsenplattform mit Aussicht auf den Wasserfall verwaist und wir übernachten gleich an Ort und Stelle.

 

 

 

Auf der Rückfahrt nach Labe wirbeln wir trotz niedriger Geschwindgkeit so viel Staub von der Piste auf, daß uns die bunt gekleideten Frauen auf dem Weg zum Markt leid tun. Es wundert uns auch nicht mehr, daß viele Einheimische mit Atemschutz unterwegs sind.

 

 

Die Teerstraße nach Süden führt über Pita, wo schon der nächste Wasserfall auf uns wartet. Die Militärbegleitung schütteln wir mit dem Hinweis auf fehlende Sitzplätze in unserem Fahrzeug ab. So einsam wie der vorherige Platz ist dieser zwar nicht, aber die Einheimischen sind nicht aufdringlich, sondern beobachten uns nur, wie wir den stürzenden Wassermassen zuschauen.

 

 

Da wir keinen Wert auf Konflikte mit Flüchtlingen aus dem benachbarten Sierra Leone (Bürgerkrieg) legen, biegen wir im Mamou nach Osten ab und fahren durch die Ausläufer des Fouta-Djalon nach Kankan.

 

 

Im Nigerbecken herrscht dichte Buschsavanne vor, auf grandiose Ausblicke müssen wir erstmal verzichten, dafür haben wir eine ziemlich neue und fast lochfreie Teerdecke unter den Rädern und kommen flott voran. Der Niger wird nicht mehr über eine Fähre, sondern auf einer neuen Brücke überquert und wir drehen nach Norden ab, fahren auf Bamako in Mali zu. An den Monts Mandingues finden sich schöne Übernachtungsplätze, leider mit extrem lästigen Fliegen übersät.

 

 

Fünfzig Kilometer vor Bamako ist der EU-finanzierte Teer zu Ende, und wir rumpeln auf einer groben Baustellenpiste in den Moloch Bamako. Es dauert einige Zeit, bis wir uns im Verkehrschaos zurechtfinden und im Hotel Les Colobris absteigen können. Endlich wieder eine Dusche und ein großes Bett! Bei mittlerweile 45°C kommt uns die Klimaanlage auch nicht ungelegen. Die Infrastruktur in Bamako ist sehr gut - wenn man Geld hat. In den libanesischen Supermärkten gibt es so gut wie alles, sogar richtige Christbäume (!), in den Patisserien gibt es wunderbare Croissants, die den französischen in nichts nachstehen - und wir probieren auch ein Fast-Food-Restaurant, mit gelbem M auf rotem Grund. Ein Plagiat, wie sich schnell herausstellt, allein die Cola dauert eine halbe Stunde, und das Menü (Burger und Pommes Frites) dauert sogar noch länger, weil die Pommes Frites ausgegangen sind...

 

Zum Trost reservieren wir einen Tisch im San Toro, einem der traditionellen Lehmbauarchitektur nachempfundenen Restaurant mit wunderschönem Ambiente und Live-Kora-Spieler. Aber nachts im Dunkeln durch Bamako fahren? Besser nicht, also nehmen wir abends ein Taxi für umgerechnet 3 Euro.

 

Der rasta-lockige Fahrer starrt stur auf die Straße und reagiert auf keinerlei Einwände. Ohne Auspuff rast er mit großer Geschwindigkeit über sämtliche Ralentisseurs hinweg, die Abgase ziehen durchs Fahrzeuginnere, ein Schließen der Fenster hätte unmittelbar eine Kohlenmonoxid-Vergiftung der Insassen zur Folge. Durch belebte, aber unbeleuchtete und stockdunkle Viertel rasen wir durch die Nacht, die schwarzen Einheimischen sind fast nicht auszumachen, immer wieder springt einer in letzter Sekunde zur Seite. Wir vermuten bereits, daß wir jeden Augenblick ausgesetzt und ausgeraubt werden, als das Taxi wieder Teer unter die Räder bekommt und auf hell erleuchteter Straße auf den Fluß Niger zufährt. Was wir sehen, gefällt uns aber auch nicht! Auf der Brücke ist keine Fahrspur für uns, nur Gegenverkehr auf der gesamten Breite! Der Fahrer starrt noch immer wie hypnotisiert nach vorne, beschleunigt den alten Datsun, steigt auf die Hupe und ... fährt direkt auf den Gegenverkehr zu!!!

 

Wir wollten nur essen, nicht sterben!

 

In gewagten Manövern weicht der Gegenverkehr in die wenigen vorhandenen Lücken aus, während wir in Schräglage mit den rechten Rädern auf dem Gehsteig und dröhnender Hupe über die Nigerbrücke jagen - wir kommen 15 Minuten zu früh am Restaurant an. Nach dem Adrenalin-Schock erholen wir uns bei frischem Ingwer- und Bissapsaft und einem köstlichen Dinner.

Am nächsten Morgen verlassen wir den stickigen Hexenkessel Bamako in Richtung Kati, wo von der Teerstraße eine breite Piste über Kita nach Manantali und Bafoulabe führt.

 

 

Wir kommen gut voran und bereiten uns schon auf ein gemütliches Ende unserer Tour vor, doch zu früh gefreut!

 

 

Nach Überquerung des Bafing auf einer scheppernden Eisenbahnbrücke (wann kommt der Zug???) geht aus Bafoulabe keine Piste weiter nach Kayes, nur Trampelpfade führen zu einer eingestürzten Brücke. Auch mehrere Anläufe und eine Befragung verschiedener Einheimischer bringt keine Piste zu Tage! 450 Kilometer zurück und nochmals 700 Kilometer außen herum? Niemals, lieber 150 Kilometer Trampelpfad durch den Busch! Auf eine eingefallene Brücke folgt eine unbefahrbare, darauf wieder eine vor langer Zeit gewesene, dazwischen Felstreppe bergauf, Steinbruch bergab - dabei sollte diese Piste "problemfrei" sein.

 

 

Zumindest nach der neuesten Auflage unseres Reiseführers. So wird das letzte Stück bis zur Teerstraße zu unserer ganz privaten Trialsektion. Der Rammschutz kratzt über die Felsen vor uns, während die Anhängerkupplung hinten an den Felsen schabt, Abrißkanten können nur diagonal unter seitlichem Abkippen des Fahrzeugs überwunden werden, oftmals müssen wir Steine legen, um weiterzukommen. Die Strecke läßt uns keine Atempause, auf jede Schikane folgt nach kaum 100 Metern eine neue, nicht minder schwierige.

 

 

Am Chute de Gouina, wo der Senegal über eine Felskante stürzt, bleiben wir einen Tag und versuchen, die Strapazen zu verdauen. Bei 43°C im Baumschatten vertrödeln wir den Tag, bis abends noch ein heißer Sturm aus der Sahara aufkommt. Starke Windböen mit 34°C halten uns fast die ganze Nacht wach. Wie gerädert nehmen wir am nächsten Morgen den restlichen Weg unter die bedauernswerten Räder. Wir stoßen auf eine aufgelassene Zementfabrik aus dem Jahr 1969, vor sich hin rostende Baumaschinen und einen alten verlassenen Bahnhof.

 

 

 

 

Nach Terence Hill sucht man im Saloon aber vergeblich, auch wenn die Kulisse mit einzelnen Zeugenbergen den Wildwest-Eindruck noch verstärkt.

 

 

Doch jetzt kann uns nichts mehr aufhalten, Kayes wartet schon, und hinter dem Bahnhof finden wir einen richtigen Biergarten, mit schattenspendenen Bäumen und großen Flaschen, aus denen das eiskalte Bier durch unsere staubigen Kehlen rinnt. Welch Hochgenuß bei immer noch 40°C !

 

 

Unser Mitsubish L300 hat sich wacker geschlagen, trotzdem verkaufen wir ihn in Gambia, wo er heute einem Entwicklungshelfer treue Dienste leistet.