Camargue 2008

oder

Christines vorletzte Reise

 

 

 

In die Camargue wollte Christine schon immer mal, und 2008 ist es endlich so weit. Wir müssen dieses Jahr keine große Tour nach Afrika machen, haben also Zeit für 17 Tage Südfrankreich.

 

Unser Weg führt uns durch die Schweiz, zunächst nach Genf.

 

 

 

Ich möchte unbedingt auf alten Militärpisten über den kleinen St. Bernhard nach Frankreich fahren. Nach der sündteuren Fahrt durch den Mont Blanc-Tunnel dann die Enttäuschung: der Paß ist schneebedingt noch immer gesperrt!

 

Statt off road nun also on road über Turin nach Susa und weiter nach Briancon. Unser Navi weist uns den Weg, und nur manchmal schickt uns die Frauenstimme auf abenteuerliche Schlaglochpisten oder immer um den gleichen Häuserblock im Kreis herum.

 

Am Lac de Serre-Poncon erholen wir uns erst einmal von der Anreise.

 

 

 

Bald darauf erreichen wir Martigues, das Tor zur Camargue. In Beauduc soll es einen frei befahr- und becampbaren Strand geben. Der Fischgeruch in der frischen Meeresbrise nimmt spürbar zu, als wir vor einem Sperrschild nach links auf eine gute Piste über den Sandstrand abzweigen.

 

Links und rechts der Piste stehen alte Wohnanhänger in schier endlosen Kolonnen, die Wochenendquartiere alternativer Franzosen - ein wahres Museum mobilen Wohnens, der Zeitgeist der 60er Jahre umweht uns heftig!

 

 

 

Als ein Schild auftaucht, wonach ab hier der Nacktbadestrand beginnt, blicken wir an uns herab und beschließen spontan, lieber auf dem Textilstrand zu bleiben...

 

 

 

Die meisten Wohnwagen sind nicht bewohnt, also stellen wir uns gleich in vorderster Reihe an den Strand, mit Allrad ist das ja kein Problem.

 

 

 

Ein Hymerist hat das beobachtet und will es uns gleichtun, aber er versackt mit Familie und Ducato keine 5 Meter neben der festgefahrenen Piste im weichen Sand! Selbst schuld und helfen können wir ja immer noch, denken wir, klappen unsere Stühle auf und beobachten amüsiert die hektischen Teppichlege-, Buddel- und Schiebeaktivitäten. Nach kaum mehr als einer halben Stunde ist der Hymer wieder draußen, und der nun durchgeschwitzte Fahrer parkt sein "Immobil" in gebührendem Abstand auf festem Untergrund.

 

Wir testen unsere neue Satellitenschüssel und genießen Günther Grünwalds Freitags-Comedy am Sandstrand in der Camargue! Wir sind uns nicht ganz sicher, ob wir das nun gut finden sollen, aber ein seltsames Erlebnis ist es allemal.

 

 

 

Mit ausgiebigen Strandspaziergängen und Baden verbringen wir den sonnigen Tag. Gonzo läuft lieber mit seiner West Highland-Freundin zu den nackten Nachbarn oder verscheucht die Möwen von seinem Strand.

 

Sabine und Aljoscha melden sich aus Spanien, wir wollen uns an einem weiter westlich gelegenen Camargue-Strand treffen. Und so verlassen wir unser gemütliches, aber windiges Plätzchen mit einem ordentlichen Sonnenbrand.

 

Quer durch die Camargue auf teilweise holprigen Pisten, vorbei an den berühmten Stieren und Pferden, rollen wir nach La Grau-du-Roi.

 

 

 

 

 

Leider ist der als Treffpunkt ausgewählte Strand für uns gesperrt, also quartieren wir uns auf dem nächstgelegenen, aber mückenverseuchten Camping l'Espiguette ein, wo sogar Gonzo aus Sicherheitsgründen (?) einen eigenen Ausweis bekommt!

 

 

 

Der Strand ist so breit, dass man nicht einmal das Meer sehen kann. So hat zumindest Gonzo jede Menge Auslauf!

 

 

 

Da das Wetter in der Camargue zusehends schlechter wird, gibt uns Sabine einen Tip, wo wir nahe Narbonne ein bißchen Natur auf schmalen Pfaden "erfahren" können. Und so kurven wir bald auf Wanderwegen durch die hügelige Küstenlandschaft Südfrankreichs rund um das Kloster Abbaye de Fontfroide.

 

 

 

Immer wieder geben die Bäume den Blick auf das Mittelmeer frei.

 

 

 

Die engen Pisten werden ausgiebig von Quadfahrern genutzt, die sich beim Anblick unseres Dickschiffs lachend auf die Schenkel klopfen. Aber sie machen bereitwillig Platz und teilen ihr Terrain gerne mit uns.

 

 

 

An einer alten, windradbestückten Zisterne übernachten wir nach einem ausgiebigen Geländemarsch mit Gonzo, der uns stets mutig gegen wildes Getier am Wegesrand verteidigt.

 

 

 

Unsere letzte Piste beginnt in der Nähe des Klosters auf schlammigem Untergrund, der jedoch bald von grobem Geröll abgelöst wird. Kein Problem für unseren Landrover, aber allmählich wird die Piste schmäler und die Äste der Bäume schaben bereits an unserem Aufbau entlang, hinterlassen dabei tiefe Dellen in der Aluminiumhaut und Schrammen in den Kunststofffenstern. Zu allem Überfluß zeigt die topographische Karte auch noch eine Schranke am Ende der Piste! Wenden ist völlig unmöglich und Rückwärtsfahren ebenfalls, weil mittlerweile die Außenspiegel angeklappt sind, um überhaupt noch irgendwie voran zu kommen! Wir haben gar keine andere Wahl, als vorwärts weiterzufahren, egal was kommt. Schlimmstenfalls müssen wir die Kette an der Schranke durchsägen...

Aber das Happy End nimmt seinen Lauf, plötzlich lichten sich die Bäume, die Piste wird breiter und wir stehen vor einer ... geöffneten! ... Schranke. Uns fällt nicht nur ein Stein vom Herzen, sondern es fallen auch jede Menge abgebrochene Äste und Kiefernzapfen vom Dach, und so verlassen wir reichlich zerschunden das Wanderrevier in Richtung Narbonne.

 

Wenn wir schon mal da sind, wollen wir uns auch Carcassonne ansehen.

 

 

 

 

 

Die Zitadelle dient immer wieder als Filmkulisse, heute ist die Altstadt jedoch voller Touristen, Café neben Restaurant neben Souvenirladen neben Café neben ..., alles kostet Eintritt, und nicht zu knapp! Es bleibt bei einem kurzen Rundgang, und wir fahren weiter nach Manosque.

 

 

 

Ohne zu ahnen, was uns sieben Wochen später erwartet, besuchen wir unterwegs einen der vielen Friedhöfe mit ihrem mediterran-morbiden Charme.

 

 

 

 

 

 

 

In Manosque stossen wir auf geschlossene Tankstellen und lange, polizeibeaufsichtigte Fahrzeugschlangen vor den Zapfsäulen der noch geöffneten Stationen: es gibt wieder mal keinen Sprit mehr. Und unser Tank ist fast leer! Wer diesmal die Raffinerietore bestreikt, wissen wir nicht, letztes Mal waren es frustrierte Fischer, die sämtliche Tankstellen trockenlegten.

Mit wenig Hoffnung stellen wir uns ans Ende einer schier endlosen Schlange. Nach einer Stunde stehen wir endlich an der Zapfsäule und es kommt immer noch Diesel aus dem Hahn! Erleichtert füllen wir unseren Tank bis zum Rand, das sollte bis Italien reichen.

 

 

 

Wir fahren über den verschneiten Col de Larche und wecken die dortigen Murmeltiere auf ... bis auch unser Murmelhund erwacht und sie wütend verbellt.

 

 

 

Im Valle Maira stellen wir fest: ich habe heute Geburtstag! Also nix wie runter vom Berg, ein passendes Lokal suchen.

 

 

 

In Sambuco wollen wir in der Osteria della Pace reservieren, aber außer einer alten Frau mit ihrem ob unserer Anwesenheit erbosten Hund ist im ganzen Dorf kein Mensch zu finden. Nach heftigem Klopfen am Osteria-Fenster nimmt eine weitere Dame dann aber unsere Prenotazione entgegen.

 

 

 

 

  

 

 

Mein abendliches Geburtstagsmenü fällt höchst erfreulich aus: nach einem Begrüßungs-Prosecco auf Kosten des Hauses folgen zwei delikate Vorspeisen, ein Kräutersorbet mit Schinkenspeck und etwas Backfisch im Brotteigmantel, anschließend ein Zwischengang mit Gemüse-Ravioli. Zu jedem Gang erscheint der Koch in der Gaststube und erklärt uns -halb französisch, halb italienisch- was er uns gerade kredenzt. Die zusätzlichen Erläuterungen unserer Tischnachbarn übersteigen zwar unseren Italienisch-Wortschatz, aber mit vereinten Kräften verstehen wir das meiste.

 

Der Koch freut sich sichtlich, dass es seinen tedeschi so gut mundet und bringt eine riesige Schüssel Lammbraten mit verschiedenen Gemüsen! Dazu schmeckt die Flasche piemontesischen Rotweins ganz ausgezeichnet. Der spezielle Schokoladenkuchen samt Cappuccino macht das gastronomische Erlebnis perfekt!

 

Drei Stunden tafeln wir jetzt schon und sind mehr als satt. Wir zahlen erstaunlich wenig für ein wirklich hervorragendes Abendessen, danken dem Koch und den Wirtsleuten nochmals, bevor wir in die kühle Nacht hinauswanken und auf einer Parkbank sitzend meinen Geburtstag und das Ende unserer Reise ausklingen lassen.

 

 

+ Das war Christines vorletzte Reise. +

+ Ihre letzte hat sie am 15. Juli 2008 völlig unerwartet angetreten. +

 

 

 

 

 

 

+ Ich bin ihr für 30 Jahre gemeinsamen Wegs sehr dankbar. +